Vor etwa 100 Jahren

 
Rubrik vor hundert Jahren.
Die Presse im Jahre 1920
 
Zwei  Jahre nach dem Ende des 1. Weltkrieges herrschte eine Hungersnot in Deutschland, die Währung Mark, hat nur noch eine Wert von 20 %  des Vorkriegswertes. Nahrungsmittel werden knapp, Kohle zum Heizen fehlt. Wartezimmer der Ärzte werden nur geheizt, wenn Patienten Kohlen mitbringen.

Januar 1920: Wann beginnt der Aufbau ?
Im Januar 1920, fünfviertel Jahre nach Beginn des Krieges und Ausbruch der Revolution, wäre doch nun eigentlich Zeit, an den Wiederaufbau unsers zusammengebrochenen Wirtschaftslebens zu denken. Bisher ist an positiver Arbeit nichts geleitet worden. In der Industrie, wie in der Landwirtschaft wurde knapp so viel erzeugt, dass wir nicht grade verhungerten, aber nicht einmal so viel, um die Existenz in der bisherigen Kärglichkeit weiter zu fristen, geschweige denn so viel, um die Lebenshaltung allmählich wieder emporzubringen.   
Ergibig ist nur die Wertzettelfabrikation gebleiben, die unsre Valuta immer mehr heruntergebracht hat. Die Warenpreise stehn dann auch heute unendlich viel höher, als in den letzten Kriegsmonaten.
Die Brot- und Kartoffelpreise verteuern gewaltig das Haushaltsbudget, Fett und Butter sind fast unerschwinglich. Eier, die mit 2 Mark und darüber das Stück bezahlt werden, zu einem Luxusgegenstand geworden. Wehe vollends dem Unglücklichen, der sich Stiefel, Kleider oder Wäsche kaufen muss ! Dreimal wehe den doppelt Unvorsichtigen, die in dieser Zeit eine Ehe schließen und einen Hausstand gründen wollen !   Denn zur Wohnungsnot kommt die Sorge um die Ausstattung und Wohnungseinrichtung,  die ein ehedem stattliches Vermögen kostet. Die unheimlich sich mehrende Gattung der Schieber freilich, zahlt jeden Preis: für Sekt, für Pelze, für Premierenbilletts, für expressionistische Bilder, für Weiberfleisch. Niemals hat man solch ein Weihnachtsgeschäft erlebt ! Weltuntergangsstimmung: Lasst uns heute fröhlich sein, denn morgen verschlingt uns die Sintflut. Aber die Nichtscheiber stehen unter einem umso furchtbareren Druck: alle Festbesoldeten, alle kleinen Rentner, Kriegs- und Arbeitsinvaliden, alle freien Berufe.  Und natürlich das gewaltige Proletarierheer ! Rieseige Lohnkämpfe kündigen sich an, sind bereits ausgebrochen.Für den Staat und die Kommunen wächst der Lohnfonds um viele Milliarden, die werden wieder aufs Publikum abgewälzt und das setzt sich mit neuen Preiserhöhungen, neuen Lohnforderungen zur Wehre.Ein perpetuum Mobile des wirtschaftlichen Wahnsinns ! Es gibt Neunmalweise, die dem Sturz der Valuta mit höchster Gelassenheit gegenüberstehen. Das Steigen der Preise, sagen sie, sei ganz gleichgültig, wenn es nur in der Steigerung der Löhne, Gehälter, der Kapitalsgewinne, der Mieten, der Grundrente seinen Ausgleich finde. Man brauche nur alle Agrar- und Industrieprodukte auf die Höhe des Weltmarktpreises zu bringen und durch vermehrte Notenausgabe für die Konsumenten einen Ausgleich zu schaffen und alles sei in schönster Ordnung. Diese Überschlauen vergessen nur zwei Kleinigkeiten: die unvermeidlichen sozialen Folgen einer solchen Preisrevolution, die sich ja nicht glatt und automatisch vollzieht und – den dann neu beginnenden Sturz der Valuta. Denn dem Ausland gegenüber käme man doch nur dann zu einem festen Stand unserer Papiermark, wenn Export und Import sind, wie früher, einigermassen die Balance hielten…….   

Dezember 1923: Neue Inflation
Die Weltbühne, 1923 von Robert Kuczynski, Ökonom
Vor ein paart Tagen veröffentlichte die berliner Preisprüfungsstelle einen Aufruf in den Tageszeitungen, der mit den Worten begann: 
"Durch die reichliche Ausgabe wertbeständiger Zahlungsmittel und durch Stilllegung der Notenpresse, ist die Inflation zum Stillstand gekommen".

An dieser Behauptung muss der Volkswirt ebenso Anstoss nehmen, wie etwa der Mediziner, wenn er läse: Durch die reichlichere Zuführung von gutem Wein und der Fortnahme der Schnapsflasche, ist der Betrunkene wieder nüchtern geworden.  Es ist wirklich ein starkes Stück, wenn.....